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Jean-Noël Yvon

Die Geschichte einer Region

France | Bretagne | Listrec

Der Austernzüchter Jean-Noël Yvon vom Presidio Natürliche Austern erzählt von seiner Beziehung zur Umwelt.


Veröffentlicht im Januar 2014 in l'Encre de mer


»Eine Auster benötigt drei Jahre, um heranzuwachsen, und ernährt sich selbstständig von den Nährstoffen, die sie im Wasser findet. In der durch den Rückzug eines Gletschers geformten Bucht Ria d'Etel* entstehen aufgrund des starken Tidenhubs große Wasserflächen. Zeitweilige oder permanente Bewässerungskanäle bilden ein engmaschiges Süßwassernetz.

Das Süßwasser transportiert die für die Fortpflanzung des Planktons notwendigen Mineralien. Außerdem gibt es hier zahlreiche Halbinseln, die auf relativ geringer Fläche einen Labyrinth am Meer mit einer 140 km langen Küstenlinie erschaffen. Der Zulauf der Flüsse variiert mit den Gezeiten und es bilden sich unterschiedliche Gebiete.

Je nach Strömungsverlauf und -stärke bzw. je nach zugeführter Süßwassermenge nutzt man bestimmte Anlagen für die Entwicklung der Austern während ihres ersten Lebensjahres, andere dienen der Kräftigung der Schale und wieder andere setzt man zur Veredelung des Muschelfleisches ein; wir arbeiten in den Anlagen, das heißt nach dem Rotationsprinzip.


Es gibt Tisch- und Bodenkultivierung, sind die Gehege leer, kann sich der Boden erholen und Sauerstoff anreichern und hat genügend Zeit, um sich zu reinigen. Das Ambiente ist reich an Algen, Moosen und Schwämmen. Sie sind der ökologischen Vielfalt geschuldet, doch müssen wir die Algen entfernen, da sie den Sauerstoff aus dem Wasser filtern, das heißt die Produktion von Plankton verringert und den Austern Konkurrenz machen.


Austern, deren Fortpflanzung von den Witterungsbedingungen abhängig ist, ernähren sich von Plankton und anderen in den Sedimenten vorhandenen Substanzen, außerdem von Schwebstoffen, die durch starke natürliche Bewegung im Wasser freigesetzt werden, vor allem im Winter, bei Stürmen, starken Gezeiten usw. Wovon sich unsere Austern ernähren, wissen selbst wir Austernzüchter nicht genau!
Wie soll man in wenigen Worten erklären, was man erst nach 30 Jahren Arbeit in der Natur richtig verstehen kann? Je nach Zuchtabschnitt, Wasserbedingungen, Regenmenge, Strömung und Sonneneinstrahlung gibt uns die Natur unterschiedliche Vorgehensweisen vor.


Austern sind wie Menschen: Je nach Alter sind sie unterschiedlich groß, und da sie nicht alle gleichzeitig reif sind, müssen sie sortiert werden. Man darf ein und dieselbe Austerngeneration nicht zu stark ausbeuten, da man sie sonst zu sehr beeinträchtigt und zu starkem Stress aussetzt. Dennoch versuchen wir, reifespezifisch homogene Chargen zu erzielen, die den allgemeinen Arbeitsaufwand am Ende des Produktionsprozesses verringern. Das heißt, wenn sie wachsen, müssen wir sie umsetzen, ihre Schalendicke reduzieren, größere Netze einsetzen, damit das Wasser besser zirkulieren kann.

Eine reife Auster wurde am Ende mindestens 40 bis 50 Mal an Land oder im Gehege umgesetzt! Sie repräsentiert gleichzeitig Zeit und Arbeitsaufwand, auch wenn wir die Angewohnheit haben, zu sagen, der Aufwand sei die reinen Liebe!


Ich kann hören, ob die Auster gut wächst: Je nach Geräusch, das sie macht, weiß ich, ob sie lebt oder tot ist... tote Muscheln klingen hohl. Wachsende Austern sind zerbrechlich und machen ein ganz besonderes, knackendes Geräusch. Das alles kann ich einfach nur hören! Eine im Wachstum befindliche Auster ist wunderbar anzusehen, sie kann 1-2 cm an Breite zunehmen, ist fein wie Zigarettenpapier, durchscheinend, gleich Perlmutt und präsentiert sich auf der härteren Seite der Schale in violett und rot. Eine gesunde Auster schillert in den unterschiedlichsten Farben.


Im Jahr 1994 hatten wir große Probleme mit der Wasserqualität. Doch statt einfach nur die Landwirte anzuklagen, suchten wir den Dialog. Nur so gelang es uns - ohne Zwang oder gerichtliches Vorgehen -, dank des guten Willens aller Beteiligten und unterschiedlicher Maßnahmen die sehr gute Wasserqualität vor Ort wiederherstellen. Außerdem führte die Zusammenarbeit der verschiedenen lokalen Geschäftsakteure zu einem leidenschaftlichen Austausch von Ideen und schließlich zu einer gerechten Aufteilung der Verantwortlichkeiten.

 

Dies ist die Geschichte einer Region: eine Organisation, die allen Berufsgruppen an der Küste eine gute Arbeit und ein gutes Leben erlaubt. Unser Weg war jener der landwirtschaftlichen Nutzung der Küste zum Nachteil der touristischen Entwicklung. Ohne die Unterstützung der Landwirte, ohne die Bearbeitung der Böden gelangen keine Mineralstoffe ins Meer, wächst also kein Plankton und die biologische Vielfalt verkümmert.

Doch müssen wir jene Artenvielfalt mit aller Kraft erhalten, indem wir all jene Aktivitäten weiter betreiben, die ein gutes Gleichgewicht möglich machen. Nach dem Orkan Xynthia breitete sich entlang der gesamten französischen Küste die schädliche Alge Pseudo-nitzschia aus. Das Wasser drang bis zu 10 km ins Festland ein und zog sich dann wieder ins Meer zurück, was zu großen Problemen führte und das Gleichgewicht stark beeinträchtigte, denn Ungleichgewichte an Land führen zu Ungleichgewichten im Meer.


Um größere Produktionsmengen zu gewährleisten, manipulierten Forscher das genetische Erbe der Austern, indem sie ein Chromosom hinzufügten und aus den natürlichen Austern (mit doppeltem Chromosomensatz) sogenannte triploide (vermehrungsunfähige) Austern machten. Austern mit dreifachem Chromosomensatz nutzen ihre Energie ausschließlich für ihre Ernährung, weswegen sie schon nach 18 Monaten und nicht mehr erst nach drei Jahren in den Handel gelangen können. Bereits nach wenigen Jahren führte diese Methode zu einer allgemeinen Überproduktion und zu einer zu starken Verdichtung während der gesamten Reifephase.

 

Die Natur reagierte auf ihre Art: In den Jahren der Überproduktion befiel ein Virus die Austern. In der Austernzucht geschahen die gleichen Dummheiten wie in der Landwirtschaft - nur 25 Jahre später. Als wir dann von unseren Problemen mit der Sterblichkeit der jüngeren Austern berichteten, rieben sich die Landwirte und Viehzüchter die Augen: „Wie kann das sein, Jean-Noël! Nach all der Zeit, in der wir dir von unseren Fehlern in der Hühner-, Schweine- und Rinderzucht erzählt haben. Habt ihr denn nichts daraus gelernt!" Wir als Austernzüchter haben unseren gesunden Menschenverstand verloren. Die Natur erzeugt nur Nahrung für eine bestimmte Anzahl von Individuen.


Wenn ein Viehzüchter 40 Kühe auf die Weide lässt, dann geben diese ein bestimmte Menge an Milch. Wenn er 80 Kühe auf dieselbe Weide stellt, dann geben diese mehr Milch, aber eine deutlich geringere Menge pro Tier. Wir Austernzüchter kennen die Mengen der unseren Austern zur Verfügung stehenden Nährstoffe nicht. Eine Entwicklung ohne Kontrolle bedeutet, Risiken einzugehen.


Auf der anderen Seite haben wir heute 6 oder 7 große Zuchtfarmen anstelle von 1000 oder 1200 kleiner Firmen, in denen Austern natürlich gezüchtet wurden. Diese sind fundamental für die Kontrolle der Wasserqualität, eine Garantie für die Region, die Landschaft und die Biodiversität. Wo Muschelzüchterfirmen verschwinden, entsteht Tourismus mit dem Risiko der Zersiedelung und einer stärkeren Wasserverschmutzung. Außerdem läuft die Schutzfrist für die Ifremer-Patente auf triploide Austern 2014 ab.

Es besteht also die große Gefahr, dass große Privatkonzerne die gemeinfreien Patente nutzen. Das Risiko der genetische Verarmung durch die Reproduktion triploider Austern ist real, ebenso wie das der Sterilisierung der natürlichen Umgebung. Die Problematik geht dabei weit über die Austernzucht hinaus. Schließlich weiß der Verbraucher nichts über diese triploiden Austern, da sie nicht kennzeichnungspflichtig sind und Chargen von natürlichen und triploiden Austern vermischt werden können. Wir sind auch Slow Food-Presidio, weil wir den Verbraucher für die Tradition der „im Meer geborenen Austern" sensibilisieren wollen. Auch deswegen haben wir mit dem Cohérence-Netzwerk in der Bretagne eine Qualitäts-Charta unterzeichnet, die unsere Arbeit im Respekt für die Umwelt bezeugt.


Unser Ziel muss die Umwelt sein und nicht die Selektion der Zucht, der Schutz der biologischen Vielfalt für zukünftige Generationen und die genetische Vielfalt, die das Überleben und die Anpassungsfähigkeit der Austern ermöglichen«.


* Die Bezeichnung „Ria" wird im Departement Morbihan genutzt, im Departement Finistère dagegen verwendet man „Aber" (keltischer Ausdruck für Mündungstrichter), Fjord in Norwegen.



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  Jean-Noël Yvon Jean-Noël Yvon  
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